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Funktionieren vs. Leben: Wenn du langsam verschwindest, ohne es zu merken

  • Autorenbild: Jutta Baur
    Jutta Baur
  • 24. Feb.
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Feb.


Es gibt eine Form des Verschwindens, die niemand bemerkt. Man sieht dich noch, man hört dich noch und trotzdem bist du längst fort. Du antwortest auf Nachrichten, erscheinst zu Verabredungen, erfüllst deine Pflichten. Du funktionierst. Und weil du alles am Laufen hältst, fällt es nicht auf, dass du längst nicht mehr da bist. Dass du nur noch die Oberfläche deines Lebens berührst, während dein Innerstes verstummt.


Eine Frau sieht sich selbst beim Verschwinden zu

Darum geht es hier:


Noch da oder nur noch anwesend?

Frauen verschwinden nicht mit einem lauten Knall. Sie lösen sich leise auf, zwischen Erwartungen, Verantwortungen und der ungeschriebenen Regel, dass sie bitte für alles und jeden verfügbar sein sollen. Es ist kein persönliches Versagen, kein individuelles Problem. Es ist eine alte, kollektive Konditionierung, die Frauen systematisch von sich selbst entfremdet. Manchmal beginnt es damit, dass du „Ja“ sagst, wenn du „Nein“ meinst. Oder dass du dich anpasst, um keine Unruhe zu stiften. Irgendwann bist du so gut darin, dass du selbst nicht mehr merkst, wie weit du dich von dir entfernt hast.


Du räumst die unsichtbaren Dinge aus dem Weg, bevor sie jemand bemerkt. Du hältst Dinge zusammen, bevor sie auseinanderfallen. Und oft merkst du gar nicht, dass du dich dabei selbst verlierst.


Denn:


Je perfekter du funktionierst, desto weniger wirst du gesehen. Bis du irgendwann selbst nicht mehr sicher bist, ob du noch da bist.

 


ein Stapel Geschirr steht auf einer Küchenarbeitsplatte

Funktionieren ist nicht dasselbe wie Leben

Funktionieren ist tückisch. Es fühlt sich nicht an wie ein Problem. Es fühlt sich an wie Pflichtbewusstsein. Wie Stärke. Nach „Ich schaffe das schon!“ Doch während du reibungslos durch den Tag gehst, verlierst du eine deiner kostbarsten Fähigkeiten: die Verbindung zu deinem inneren Wissen.


Irgendwann hörst du nicht mehr, dass etwas nicht stimmt. Dein Körper signalisiert längst, dass es zu viel ist. Dass eine Situation dir eigentlich nicht guttut. Aber du hast gelernt, es zu übergehen.

Dieses feine Gespür – diese uralte weibliche Weisheit, die Frauen und Gemeinschaften einst geführt hat – wird erst leiser. Dann stumpf. Dann ganz still. Überlagert von To-do-Listen, Erwartungen und dem tief verinnerlichten Wunsch, niemandem zur Last zu fallen.


Spiritualität beginnt nicht mit Räucherwerk oder Ritualen. Sie beginnt in dem Moment, in dem du wieder fühlst, was echt ist. Du bist keine Maschine, die einfach weiterläuft. Du hast eine innere Stimme. Eine Richtung. Und du kannst ihr folgen.


Funktionieren trennt dich von genau dieser Quelle. Es macht dich blind für dich selbst.

Eine spirituell verbundene Frau ist nicht unbedingt eine, die meditiert oder sich bewusst Zeit für sich nimmt. Es ist eine Frau, die ihre eigene Wahrheit spürt, selbst wenn sie unbequem ist. Sie bemerkt, wenn etwas in ihr verstummt. Sie tut nicht nur, was von ihr erwartet wird, sondern spürt, was in ihr selbst nach einer Antwort ruft.


Der erste Schritt aus dem Funktionsmodus ist nicht groß, nicht laut, nicht kompliziert. Er beginnt mit einem einzigen Augenblick des ehrlichen Spürens. Wo bin ich noch wirklich da und wo nicht?

Wenn du das bemerkst, hast du den ersten Schritt gemacht. Weg vom bloßen Funktionieren. Hin zu einem Leben, das sich wieder nach dir anfühlt.

 

Warum „Selbstfürsorge“ dich nicht retten wird

Selbstfürsorge ist ein Wort, das Frauen oft wie eine weitere Aufgabe vor die Füße fällt. Zwischen Verpflichtungen, Erwartungen und der leisen Angst, nicht genug zu sein, soll nun auch noch Zeit für sich selbst gefunden werden. Aber nicht irgendwie. Sondern bitte sinnvoll, effektiv, mit Plan. Ein heißes Bad, ein gutes Buch, eine Gesichtsmaske, ein bisschen Yoga. Danach tief durchatmen und weitermachen.


Doch das ist der Irrtum. Selbstfürsorge ist nicht die kleine Verschnaufpause zwischen zwei Runden Funktionieren. Sie ist auch keine Methode, um wieder leistungsfähig zu werden. Wahre Selbstfürsorge bedeutet, den eigenen inneren Raum zurückzuerobern. Das lässt sich nicht in eine halbe Stunde zwischen Arbeit, Haushalt und Familie pressen. 


Frauen fehlt es nicht an Selfcare-Ritualen. Sie brennen aus, weil ihr ganzes Leben darauf ausgerichtet ist, sich selbst nicht zu fühlen.


Die Energie, die bleibt, wird in eine optimierte Version von Erholung investiert, die letztlich nur dazu dient, am nächsten Tag wieder voll einsatzfähig zu sein. Doch eine Frau, die sich wirklich spürt, denkt nicht in freien Minuten für sich selbst. Sie fragt sich nicht, wann sie kurz verschnaufen darf. Sie lebt in einer völlig anderen inneren Haltung. Sie nimmt sich nicht zurück, um sich dann später zurückzuholen. Sie ist einfach da. 


Genau hier biegt weibliche Spiritualität ab.  Weg von all den Selbstoptimierungs-Tricks, die als Selbstfürsorge verkauft werden.


Sie beginnt nicht mit Routinen, sondern mit einer radikalen Entscheidung: Sich selbst nicht länger als Zusatz im eigenen Leben zu betrachten. Es gibt keine Zeit, in der du erst genug geleistet haben musst, um dir Platz für dich zu nehmen. Keine Bedingung, die erfüllt sein muss, bevor du deine Grenzen ernst nehmen darfst.


Dein Wert steht nicht zur Diskussion. Wahre Selbstfürsorge ist kein Konzept und keine Methode. Sie ist das Wissen, dass du nicht erst dann wichtig bist, wenn du erschöpft bist. Sie ist der Mut, sich selbst nicht mehr hinauszuschieben.

 

Eine lächelnde Frau hebt den Finger, weil sie die Lösung hat

Dein Körper kennt den Weg zurück

Wenn ein Körper nur noch funktioniert, verliert er das Gefühl für sich selbst. Für seine eigene Lebendigkeit. Er macht weiter. Hält aus. Passt sich an, weil es erwartet wird. Er zieht sich zurück. Wird kleiner. Dämpft alles, was zu viel wäre, nur um irgendwie durch den Tag zu kommen.

Frauen lernen früh: Ihr Körper gehört nicht nur ihnen. Er ist eine Ressource, die verfügbar bleiben muss.


Müde? Keine Zeit, noch so viel zu tun. Hunger? Erst die anderen. Schmerzen? Kein Thema, es muss ja irgendwie gehen.


Aber ein Körper, der übergangen wird, vergisst nicht. Alles, was nicht gefühlt wurde, bleibt da. In den Muskeln, im Gewebe, im Atem. In der Art, sich zu bewegen. Wer sich nicht mehr spürt, verliert den Kontakt zu sich selbst. Und ohne dieses Gefühl? Kannst du nicht wissen, was du wirklich willst.

 

Was passiert, wenn du aufhörst, zu funktionieren?

Zurück zu dir findest du nicht über den Kopf. Das kann nur dein Körper. Er weiß, wo du dich verloren hast. Er trägt die Wahrheit, die dein Verstand aus vielen Gründen weggeschoben hat. Und weil du das nicht denken kannst, sondern nur fühlen, brauchst du eine echte Erfahrung.

 

Leben beginnt da, wo du wieder fühlst

Wo bist du gerade nicht ganz da? Setz dich hin. Keine perfekte Haltung, keine tiefe Atmung. Spüre einfach: Wo bist du gerade nicht anwesend? Wo fühlt sich dein Körper fremd an, wo ist Spannung, wo ist Leere? Lege eine Hand an diese Stelle, nicht um sie „wegzumachen“, sondern um sie wahrzunehmen.


Probiere etwas aus. Beweg dich ein paar Zentimeter. Wenn du stehst, lehn dich leicht nach vorn oder zurück. Wenn du sitzt, verlagere dein Gewicht. Spür hin: Was schafft noch mehr Abstand zu dir? Und was bringt dich näher an dich heran?


Sprich mit deinem Körper – ohne Worte. Reib deine Hände aneinander, bis sie warm sind. Leg sie dorthin, wo du Berührung brauchst. Bauch, Herz, Nacken. Spür hin. Gibt es Widerstand? Ein leichtes Nachgeben? Es geht nicht darum, dass es sich sofort gut anfühlt. Es geht darum, dass du wieder Kontakt aufnimmst.


Mach eine Bewegung, die du lange nicht mehr gemacht hast. Dreh deine Schultern. Streck die Arme. Roll deine Fußgelenke. Nicht als Übung. Einfach, um zu sehen, was passiert. Wo fühlst du dich lebendig? Wo bist du fest? Und wenn irgendwo ein kleiner Impuls kommt – was, wenn du ihm nachgibst?


Achte auf deinen Atem, aber nicht, um ihn zu „beruhigen“: Atme einfach so, wie es dein Körper gerade will. Schnell, langsam, flach, tief. Dann ändere eine Kleinigkeit. Atme lauter. Atme durch die Nase ein und den Mund aus. Oder halte den Atem für einen Moment an und spüre, was in dir passiert.

 

 

Schuldgefühle sind kein Zeichen für ein Problem, sondern für deine Veränderung

Wieder zu leben ist nicht sanft. Es ist nicht das harmonische Zurückfinden zu sich selbst, das dir so oft versprochen wurde. Es fühlt sich nicht an wie Erleichterung. Es fühlt sich an wie Widerstand. Dein eigener.


Gegen dich. Gegen das, was du gelernt hast. Gegen die Jahre, in denen du geglaubt hast, dass eine „gute Frau“ sich zusammenreißt, durchhält und niemandem zur Last fällt.


Wenn du anfängst, nicht mehr zu funktionieren, meldet sich nicht sofort die Freiheit. Es meldet sich gerne mal Schuld. Das Gefühl, dass du egoistisch bist und andere hängen lässt. Dass du schwach bist. Das ist der Moment, in dem viele Frauen umkehren und sich selbst einreden, dass es „gerade nicht der richtige Zeitpunkt“ ist, wirklich etwas zu ändern.


Und genau hier liegt die Lüge. Die Angst, dass du alles verlierst, wenn du aufhörst, perfekt zu sein, ist ein Überbleibsel aus einem System, das Frauen seit Jahrhunderten kontrolliert. Wenn du das durchbrechen willst, brauchst du keine weitere Runde Selbstreflexion. Du brauchst eine Entscheidung.


Und diese Entscheidung ist nicht, es dir gemütlich zu machen, sondern aus deiner eigenen Anpassung auszubrechen.

 

Wagst du ein Experiment?


  • Sag bei der nächsten Bitte, die an dich gestellt wird, „Ich kann das nicht“, ohne dich zu erklären. Spüre, was in dir hochkommt. Die Angst, dass du weniger wert bist? Die Panik, dass jemand enttäuscht ist? Das ist das Muster, das dich klein hält.


  • Erlaube dir, nichts Produktives zu tun. Auch wenn du Zeit hättest. Kein „Ich nutze die Zeit wenigstens sinnvoll“, kein „Ich sollte wenigstens...“. Einfach nur sein. Spüre, wie ungewohnt es sich anfühlt, ohne Funktion zu existieren.


  • Setze dich still hin und stelle dir eine einzige Frage: Wer wärst du, wenn du nicht mehr für deinen Nutzen geliebt würdest? Warte die Antwort ab. Sie kommt nicht aus dem Kopf. Sie kommt aus dem Körper.


Vielleicht musst du nicht entspannen, um zu dir zu finden.  Vielleicht musst du das System in dir selbst stören. Den Takt brechen, den du gelernt hast. Die Rebellion beginnt nicht mit einer großen Geste, sondern mit einem einzigen Augenblick, in dem du dich nicht mehr so verhältst, wie es von dir erwartet wird. Und dieser Moment wird nicht angenehm sein. Aber er wird echt sein. Und das ist der Anfang von allem.


Herzlichst

Jutta

 
 
 

3 Kommentare


Gast
28. Feb.

Liebe Jutta, in diesem Artikel steckt soviel drin. Besonders toll finde ich den Absatz mit den Schuldgefühlen. In manchen spirituellen Kreisen, wird immer suggeriert, dass wir nur richtig manifestieren, meditieren, usw. müssen, dann wird alles ganz toll und ganz leicht. Aber so ist es nicht. Wir begegnen auf diesem Weg immer wieder unseren Zweifeln, unseren Widerständen, unserer Scham, unserer Angst... Und das ist immer wieder sehr unangenehm... Und trotzdem würde ich sagen, dass sich der Weg lohnt. Wirklich ein sehr inspirierender Beitrag. Danke dafür. Herzliche Grüße Andrea

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Mangala Stefanie Klein
25. Feb.

Liebe Jutta,

danke für deine Beitrag der mich tief berührt hat. Mir zu erlauben nichts Produktives zu tun, wenn ich Zeit habe, das nehme ich mir jetzt mal vor. Danke für den Impuls dafür.

Alles Liebe aus Münster von Mangala

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Pia Hübinger
25. Feb.

Liebe Jutta,


dein Artikel ist ein wahres Meisterwerk der Tiefgründigkeit und Sensibilität! Du sprichst ein Thema an, das so viele Frauen tief berührt und oft übersehen wird. Deine Worte schaffen es, eine Brücke zu bauen zwischen dem inneren Erleben und dem äußeren Anschein, den so viele von uns wahren. Von Herzen DANKE dafür, dass du diese wichtigen Themen so einfühlsam und kraftvoll zur Sprache bringst!


Sehr herzlich

Pia


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